"Warum bin ich immer die letzte, Mama?"

Arbeitswelten verändern sich? Warum fällt dann die Vereinbarkeit von Familie und Beruf immer noch so schwer? Eine kleine Überlegung zum schlechten Gewissen und den eigenen Ansprüchen.

Meine 5-Jährige Tochter guckt mich böse an: "Man Mama, ich werde immer als letzte abgeholt." Ich achte gar nicht auf sie, hab mein Handy in der Hand und natürlich ruft jetzt auch noch ein Kunde an. Ich gehe ran. Meine Tochter verdreht die Augen und trottet langsam hinter mir her.

 

Dies ist jetzt 2 Jahre her. Ich komm immer noch zu spät, aber sie hat es mittlerweile aufgegeben ...sie sagt nichts mehr. Wenn jemand mal fragt, antwortet sie "Meine Mama steht im Stau." Aber das ist nicht wahr, ich steh nicht im Stau. Ich sitze in irgendeiner Besprechung, wo es darum geht, reiche Menschen noch reicher zu machen.

Ob mich das stört? Und wie. Ich habe manchmal das Gefühl das schlechte Gewissen wurde mir mit dem Arbeitsbeginn eingepflanzt.

Ich liebe meine Tochter sehr, aber ich liebe auch meinen Job, auch wenn ich nicht täglich Menschenleben rette. Aber diese beiden Bereiche scheinen sich wie eine Liebe zu zwei Männern einfach auszuschließen.

 

Ich arbeite seit meine Tochter 1,5 Jahre alt ist und ich habe bis heute keine Möglichkeit gefunden, dies so zu gestalten, dass ich glücklich damit bin. Da gibt es Freunde, die sagen: "Ach, Deine Tochter hat das ja nie anders kennengelernt." Oder die Gegenseite, die mir erzählt: "Später wird sich das einmal rächen." Ständig bewegt man sich gedanklich zwischen den eigenen Ansprüchen. Schadet es wirklich meinem Kind, wenn ich arbeite oder denke ich nur, dass es ihm schadet? Ich weiß es nicht. Was ich aber weiß ist, dass alle meine Freundinnen, die Mamas sind, unglücklich mit dem ständigen Spagat zwischen Businesstermin und Legoaufbau sind.

 

Für mich ist vor allem das Gefühl, alles nur halb zu machen, ein Problem: Halb Kind und halb Job... und den Eindruck für beide Bereiche nicht genug Zeit zu haben, nie fertig zu werden.

Besonders in der Beratung ist eine gewisse Verfügbarkeit auch Teil des Jobs. Dazu kommen dann Termine Vorort oder Abendessen mit Kunden, die zusätzlich Zeit einnehmen. Und dann hört man die Stimmen: 

 

Und für ein Kind nur halb dasein? Wenn ich meine Tochter von der Schule abhole, möchte sie - zu Recht - sofort meine ganze Aufmerksamkeit. Und ich möchte auch 100-prozentig Mama sein und nicht nur ein bisschen. Dafür muss aber die andere Hälfte auch im Kopf abgeschlossen werden...und das scheint fast unmöglich.

 

Aber was ist die Alternative? Zuhause bleiben und meine Begeisterung für meinen Job aufgeben? Weniger arbeiten, mit noch geringerem Lohn und noch weniger Verantwortung? Selbstständig machen - und noch mehr Energie in meine Berufung stecken? Den Job wechseln - das habe ich! Mehrmals! Kein Arbeitgeber hat jemals darauf Rücksicht genommen, dass da noch ein kleines Mädchen ist, welches jeden Tag am Tor wartet.

Aber ich will alles. Ich möchte Mama sein und meinen Job machen! Ich möchte keine  Kompromisse oder Übergangslösungen.

 

Vielleicht werde ich irgendwann meinen Frieden damit machen, vielleicht auch nicht. Was aber viel wichtiger ist, ist dass meine Tochter später nicht den gleichen Spagat vollziehen muss...und dafür lohnt es sich doch, mal kurz darüber nach zu denken, wie unsere Arbeitswelt zukünftig aussehen könnte.